Sonntag, April 02, 2006

Augsburg im Sommer

Augsburg ist keine von den Städten, in denen irgendwie immer das gleiche Wetter ist, egal welche Jahreszeit, egal was gerade los ist. In Freiburg zum Beispiel, da scheint ja immer die Sonne. In Münster regnet es immer. In Hamburg ist es immer windig. Das ist doch langweilig.
Wenn in Augsburg irgendein Wetter ist, dann ist es richtig. Wenn es neblig ist, dann ist es so neblig, dass man die Hand kaum vor den Augen sehen kann. Wenn es schneit, dann bricht der Straßenverkehr zusammen - Für zwei Tage. Wenn es regnet, dann kann auch schon mal eine ganze Autobahnbrücke wegschwimmen. Wenn es kalt wird, dann ist es für eine Stadt wie Augsburg schon Ehrensache, mindestens 25 Grad Minus zu erreichen. Sonst friert man doch nicht richtig. Ja, wer in Augsburg wohnt, der ist einiges gewohnt.
Am schönsten ist Augsburg aber im Sommer. Ich habe schon viele Plätze im Sommer erlebt. Ich habe in London bei 25° in der Tube geschwitzt, ich habe den einzigen Gewitterschauer des Sommers in Valencia erlebt, ich habe in Holland die Zehen ins immer noch kalte Ijselmeer gesteckt, ich habe in sternenklaren Sommernächten in Schweden Elche beobachtet. Aber ich habe nirgends einen so großartigen Platz erlebt wie den Augsburger Rathausplatz im Sommer. Absolut zentral gelegen, wird der Rathausplatz jedes Jahr von April bis September zum Treffpunkt für alle Jugendlichen und jungen Erwachsenen der Stadt. Da mischt sich ein buntes Völkchen zusammen aus Studenten, Schülern, Punks, Auszubildenden, Gitarrenspielern, Flaschensammlern, Kasettenrekorder-DJs, Deutschen, Türken und Arabern, und alle haben zusammen Spaß. Man bringt seine Musikinstrumente mit, seine Liegestühle, seine Sportgeräte, man jammt zusammen, man trifft sich, man führt seine neueste Pornosonnenbrillenkreation vor, man kuriert den Kater von letzter Nacht aus, man versucht braun zu werden. Die Stimmung ist relaxt, ausgelassen, vielfältig. Eis essende BWL-Studentinnen streicheln die Hunde der Straßenpunks, die iranischen Erasmus-Studenten bringen ihren Nebensitzern das Trommeln bei, es finden sich spontane Häckisäck-Runden zusammen, Nachwuchs-Rockstars zupfen auf ihren verstimmten Gitarren herum und versuchen nach Curt Cobain zu klingen. Man lässt sich in Ruhe, oder eben nicht.
Gegen Abend geht die entspannte Stimmung oft in eine große Party über. Die übriggebliebenen Tagesgäste vermischen sich mit den Nachtschwärmern von der Maxstraße, die umliegenden Cafés beginnen, die Flaschenbiere auch auf die Straße zu verkaufen. Der Augsburger Rathausplatz ist ein großartiger Platz, um in einer der lauen Augsburger Nächte eine Party zu feiern. Aber nicht der einzige.

Augsburg ist eine Stadt, die viel vom Wasser geprägt wird. Man nennt sie auch "die Stadt der tausend Brunnen", und der ein oder andere, unter anderem auch der Verfasser dieser Zeilen, ist schon auf die Idee gekommen, zu schauen, ob man in den Brunnen auch schwimmen kann. Man kann. Empfehlenswert ist das Ganze trotzdem nicht unbedingt - Nicht nur, dass es schnell zum Ärger mit Polizei oder allgegenwärtiger CIA (City-Initiative-Augsburg, Aushilfscops) kommen kann - Es ist auch etwas eklig. Man weiß ja nie, wer da schon sein Zeug reingekippt hat.
Bessere Plätze zum Baden sind der allseits beliebte Kuhsee, der weiter draußen liegende Friedberger Baggersee oder vor allem der Eiskanal. Während sich an Kuhsee und Baggersee (und noch an den anderen Seen in der Augsburger Umgebung) ein relativ buntes Völkchen tummelt, ist der Eiskanal eher etwas für Spezialisten. Es handelt sich um eine Abzweigung des Lech, die eigentlich als Kanustrecke konzipiert wurde. Der Kanal gabelt sich auf in einen Wildwasserkanal, in dem das Baden nicht unbedingt empfehlenswert ist (auch wenn zu hören war, dass auch da schon Verrückte reingesprungen sein sollen) und eine etwas ruhigere Strecke - den Eiskanal. Im oberen Bereich üben meistens die Kanufahrer noch ihr Durch-die-Tore-fahren, im unteren Bereich sind die Badenden aber für sich.
Der Eiskanal ist, wie gesagt, nicht unbedingt etwas für den Durchschnitts-Sonnenanbeter. Das Wasser ist sehr kalt, beim Lech handelt es sich um einen Gletscherfluss, und die Wassertemperatur ist entsprechend. Manchmal hat man das Gefühl, selbst beinahe zu gefrieren, während man hineinsteigt. Außerdem fließt das Wasser sehr schnell, so dass man eigentlich nur mit der Strömung schwimmen kann, nicht dagegen. Das macht aber nichts. Zu einer der großartigesten Erfahrungen, die man in Augsburg machen kann, ist, bis zum oberen Bereich zu laufen (barfuß, in Badehose, durch ein Wohngebiet), dort in den Eiskanal zu springen, und sich dann die drei Kilometer unter Bäumen und Wolken, vorbei an Badewiesen und Fußgängerbrücken zurücktreiben zu lassen. Sehr ruhig. Beinahe schon meditativ.

Die andere besondere Beschäftigung, die der Eiskanal erlaubt, ist das kultige Bridgeboarden. Dazu baut man sich selbst ein Bridgeboard, das im wesentlichen aus einem großen Holzbrett besteht, einer langen Schnur an der Spitze und zwei Haltegriffen. Diese Konstruktion befestigt man an einer der paar Brücken, und dann wird man feststellen, dass man auf diesem Brett über das Wasser gleiten kann. Beinahe wie beim Surfen. Nur, dass nicht man selbst sich bewegt, sondern das Wasser.

Das Bridgeboarden ist eine Sportart, die in Augsburg Tradition hat. Schon lange vor Entstehen des Eiskanals sind die jungen Leute der Stadt Bridgeboarden gegangen, damals auf türgroßen Brettern auf dem Lech. Man sagt, mit diesen Brettern konnte man komplett unter Wasser tauchen, dort für eine Weile bleiben, und dann wieder nach oben kommen. Auch am Eiskanal wird in verschiedenen Varianten gesurft: Da wären die 40jährigen Männer, die sich dort schon seit Jahren treffen und dort ihre immer wieder neuen technischen Konstruktionen ausprobieren, da wären die Teenager, die das Ganze offenbar nur machen, um ihre Freundinnen zu beeindrucken, da sind die kleinen Kinder, die aufgrund ihres geringen Gewichts meistens die besten Surfer von allen sind, und dann sind da noch die Bridgeboard-süchtigen Studenten, von denen ich einer bin. Bridgeboarden ist für eine Extremsportart eigentlich sehr relaxt. Eigentlich sogar so relaxt, dass sie nicht sehr extrem ist. Sobald man die Technik einigermaßen beherrscht, was etwa zwei Tage dauert, stellen sich keine großen Herausforderungen mehr. Außer den kleinen Kindern natürlich, die immer oben an der Brücke so lange am Seil reißen müssen, bis der Boarder unten ins Wasser plumpst. Natürlich kann man noch solche Sachen lernen wie rückwärts fahren, freihändig oder möglichst-tief-im-Wasser. Aber eigentlich ist das Bridgeboarden doch am schönsten, wenn man einfach nur entspannt übers Wasser gleitet. Bis zu den Knien im Eiswasser, aber sonst trocken und warm. Man fährt nach links, nach rechts, versucht ab und zu eine schöne Bugwelle zu machen, man winkt den Leuten zu, die einen von der Brücke aus bewundern, man raucht eine Zigarette. Bis einem zu langweilig wird. Dann springt man einfach ins Wasser.